Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

von lassalle bis zum gothaer programm:

zwei flügel der arbeiterbewegung

dieser text behandelt die ursprünge der deutschen arbeiterpartei(en) ab 1862. es wird in diesem text mit der legende gebrochen, das diese bewegung revolutionäre, kommunistische wurzeln hatte und erst später verweichlichte (reformismus) und am ende verraten wurde (1914).

nach dem scheitern der revolution von 1848 zerfiel auch die in ihr aufgekommene arbeiterbewegung (z. b. die von preussen verfolgte und verbotene arbeiterverbrüderung). der (eigenständige) neubeginn fällt in das jahr 1862. die politische bewegung der arbeiter begann, wie schon 1848, mit den liberalen zusammen. 1859 wurde der preussisch liberal orientierte deutsche nationalverein gegründet. in preussen gründeten die liberalen die fortschrittspartei.

die erste selbstständige organisation von arbeitern ging in form der arbeiterbildungs- und konsumvereine aus dem bürgerlich liberalen genossenschaften (z.b. für kredit) hervor. teilweise hatten die arbeitervereine aber auch ihre wurzeln in den vom preussischen staatsapparat zerschlagenen arbeiterverbrüderungen.

ziel dieser vereine waren sozialer aufstieg und eingliederung in die gesellschaft bzw. der erhalt eines sozialen status, z.b. des eigenen meisterbetriebes. arbeiter und selbstständige handwerker waren übrigens beide mitglieder dieser vereine, welche ursprünglich eine größere anziehungskraft besaßen, als die politische organisierung.

der liberale schulze-delitzsch war der führende vertreter der bürgerlichen genossenschaftsbewegung. er empfahl den arbeitern das selbe konzept -sparen und fleiss-, war allerdings der auffassung, dass die arbeiter noch nicht reif seien, mitglieder des nationalvereins zu werden. daran scheiterte auch ein zusammengehen mit dem "leipziger zentralkommitee zur berufung eines allgemeinen deutschen arbeiter kongresses", einer für die eigenständige arbeiterorganisierung eintretenden abspaltung des leipziger bildungsvereins.

der preussische flügel

am 28.november 1862 wurde in leipzig der erste nationale arbeitertag einberufen, um eine von der bourgeoisie unabhängige arbeiterorganisation zu schaffen. um den liberalen auch inhaltlich entgegentreten zu können, entwarf lassalle im auftrag des leipziger zentralkommitees ein so genanntes "arbeiterprogramm". dieses wurde auch die grundlage des 1863 gegründeten allgemeinen deutschen arbeitervereins (adav).

kernpunkte waren erstens die eigenständige politische organisierung des "arbeiterstandes" mit dem "allgemeinen, gleichen und direkten wahlrecht" als basis zur durchsetzung seiner interessen ( 1 des gründungsstatuts des adav). dieses wahlrecht musste freilich erst noch erkämpft werden - auch gegen die fortschrittspartei!

der staat wurde von lassalle nicht als ein klassenstaat verstanden sondern als die verkörperung des allgemeinen menschlichen wesens - die aufgabe des staates war folglich, diesem wesen geltung zu verschaffen. deshalb sollten die interessen des arbeiterstandes mittels des wahlrechts vertreten und durchgesetzt werden.

der zweite punkt in lassalles arbeiterprogramm war die bildung von arbeiterproduktivgenossenschaften auf staatskosten und staatskredit (letzterer sollte durch das allgemeine wahlrecht dazu bewegt werden). lassalle erhob damit die "strategie" von bildung und sparen, um sozialen aufstieg zu erreichen, zu einer staatlichen pficht. da die konsumvereine die lage der arbeiterklasse nicht dauerhaft bessern könnten, müsse man "Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unternehmer machen - das ist das Mittel, durch welches - und durch welches allein - jenes eherne und grausame Gesetz beseitigt sein würde, das den Arbeitslohn bestimmt!" (lassalle nach mehring s. 37)

wesentlich in der lassallschen auffassung (sowie der der im adav organisierten arbeiter) bezüglich des klassenkampfes war ausserdem, dass dieser klassenkampf nur gegen die (preussische) bourgeoisie geführt werden sollte und wurde. hauptfeind war der liberalismus. der kampf richtete sich nicht gegen das halbfeudale junkertum (die als landbesitzer die industrie- und handwerklichen arbeiter wenig störten, allerdings immer noch die macht im staate hatten). im gegenteil, lassalle sieht sogar die möglichkeit des zusammengehens der arbeiterbewegung mit der finsternis des mittelalters gegen das kapital: in einem brief an bismarck schrieb er (im juni '63), dass "...der arbeiter ... geneigt sein würde ... in der krone den natürlichen träger der sozialen diktatur, im gegensatz zu dem egoismus der bürgerlichen gesellschaft, zu sehen, wenn die krone ihrerseits ... sich entschließen könnte ... eine wahrhaft revolutionäre richtung einzuschlagen und sich aus einem königtum der bevorrechteten stände in ein soziales und revolutionäres volkskönigstum umzuwandeln.(oelßner s.14)

möglich wurde diese auffassung dadurch, dass der adav sich nur auf das in den städten entstehende proletariat stützte.

der süddeutsche flügel

der zweite flügel der deutschen arbeiterbewegung entwickelte sich aus der im august 1866 (nach dem sieg preussens über österreich) gegründeten sächsischen volkspartei (svp). die basis dieser partei waren vor allem die arbeiterbildungsvereine sachsens und bayerns im bündnis mit den liberalen. letzteren war die massenbasis sowie die ideologische einbindung der arbeiter nur recht.

auf dem 5. verbandstag der arbeitervereine in nürnberg 1868 spalteten sich diese vereine von der svp ab und schlossen sich der internationalen arbeiter assoziation (iaa) an. 1869 gründeten diese arbeitervereine mit einer gruppe "abgefallener" lassalleaner in eisenach die sozialdemokratische arbeiterpartei. ziele waren der "freie volksstaat", die befreiung der "arbeitenden klassen" und die "abschaffung der klassenherrschaft", der "volle arbeitsertrag", ein demokratischer staat und produktivgenossenschaften mit staatskredit (aus dem "eisenacher programm").

die vereinigung

in wesentlichen punkten waren sich beide arbeiterparteien einig: den vollen lohn seiner arbeit (voller arbeitsertrag) könne der proletarier im kapitalistischen system nicht erhalten - es sei denn, er wird sein eigener kapitalist (produktivgenossenschaften). zu dieser verwirklichung müsse der staat in die pflicht genommen werden. auch deshalb war das wahlrecht "nicht nur das politische, sondern auch das soziale Grundprinzip des Arbeiterstandes, die Grundbedingung aller sozialen Hilfe". (mehring über lassalle).

grundlagen der spaltung der deutschen arbeiterparteien war die stellung zum preussischen staat, der damals deutschland in seiner vielsaatlichkeit dominierte, und der weg zur deutschen einheit. politische differenzen wurden nicht (nur) zwischen den parteien ausgetragen, sondern auch innerhalb beider gruppen.

lassalle und der adav sahen die bourgeoisie als ihren feind, aber boten sich dem preussischen junkertum als partner an, um ihre ziele zu erreichen (siehe oben). obwohl lassalle und seine partei für die einheit deutschlands eintraten, akzeptierten sie den preußischen führungsanspruch in dieser frage und damit bismarcks "blut und eisen" politik. dabei war nicht klar, ob die anderen, süddeutschen länder - wie bayern, württemberg und baden - sich dem preussischen führungsanspruch fügen würden.

die "süddeutsche fraktion" war dagegen antipreussisch eingestellt, wollte eine einheit deutschlands im sinne der westdeutschen liberalen, nämlich eine gesamtdeutsche lösung. vor allem lehnten die in nicht-preußisch-dominierten teilen deutschlands agierenden arbeiter und ihre partei eine "dynastische" einheit von oben, und das auch noch unter preußischer führung, ab. "der fall preussens" ist "der sieg der deutschen" [bürgerlichen] "revolution" (grebing s. 64) war liebknechts ebenso richtige wie auch inzwischen unrealistische position.

zugutehalten könnte man der eisenacher richtung die orientierung zu marx' iaa, den (allerdings mit dem vorbehalt nationaler verpflichtungen) internationalismus, sowie man dem adav seine anbiederung an den preussischen hort der reaktion vorwerfen könnte. fakt ist aber, daß die spaltung der deutschen arbeiterbewegung nur mit der zersplitterung deutschlands zusammenhängt und letztlich mit ihr endet.

auffassungen von einer richtigen und einer falschen linie, wie sie in gängigen linken geschichtsschreibungen üblich sind und hier stellvertrtend von dem sed- historiker fred oelßner in folgendem zitat vertreten werden, entspringen demgegenüber eher dem wunschdenken: "die von bebel und liebknecht geführte eisenacher richtung war die marxistische arbeiterpartei, der beginn der sozialistischen arbeiterbewegung in deutschland, während der lassallanische arbeiterverein trotz seiner organisatorischen selbständigkeit eine abweichung von der gesetzmässigen entwicklungslinie der deutschen arbeiterbewegung darstellte." (s. 10)

dieses denken eines linearen geschichtsverlauf mit dem ziel, die sed als staatspartei zu errichten (zu legitimieren), hat seine wurzeln auch (nicht nur) in den staatstheorien der frühen deutschen arbeiterbewegung. dieses staatsdenken gilt es leider auch heute noch zu kritisieren!

grundlage der vereinigung war zuerstmal das 1871 geschaffene deutsche reich unter preussischer herrschaft, dessen realität letzlich auch von den eisenachern anerkannt werden musste. der praktische anfang dieser vereinigung war die reichstagswahl 1874, als sich beide parteien in stichwahlen gegenseitig unterstützten. die zusammenarbeit der reichstagsfraktionen war letztendlich der motor, der zum vereinigungsparteitag von gothar 1875 führte. zusammengeschweißt wurde die arbeiterbewegung durch die sozialistenverfolgung.

2003

quellen

  • franz mehring, gesammelte schriften band 2, geschichte der deutschen sozialdemokratie II, dietz verlag berlin 1976
  • helga grebing, geschichte der deutschen arbeiterbewegung, dtv
  • fred oelßner, das kompromiss von gotha und seine lehren, dietz verlag berlin 1951