Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der
Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und
geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt
daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern,
von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist.
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit
kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.

stephen hawking, artificial intelligence und die eigentumsfrage

Als der Physiker Stephen Hawking der Netcommunity von Reddit im Oktober ein AMA (ask me anything) gab, drehten sich die Fragen der Redditnutzer nicht in erster Linie um die Geheimnisse des Universums, deren Entschlüsselung Hawkings Hauptbeschäftigung ist, sondern um die unmittelbare Zukunft der menschlichen Gesellschaft. Genauer, um den Einfluss und die Gefahren künstlicher Intelligenzen (AIs). Der Grund hierfür lag in einem einige Wochen zuvor erschienenen Text, in dem Hawking und andere namhafte Wissenschaftler vor solchen Gefahren warnten, die von Matrix bis Terminator reichen. Ein Redditnutzer sah jedoch noch eine andere konkretere Gefahr, die sich aus dem Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und Robotik ergibt: Würden hierdurch nicht Unmengen an Jobs wegfallen? Würde das Ergebnis nicht Arbeitslosigkeit und Armut gerade in den entwickeltsten Ländern der Welt sein? Hawkings Antwort war bemerkenswert. Er sah die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der Müßiggang und Luxus durch den technologischen Fortschritt für alle erreichbar sind, aber auch die Möglichkeit einer Welt, in der wenige Maschinenbesitzer die unumstrittenen Herren der Welt sind und der Rest der Menschheit bestenfalls ein kummervolles Bittstellerdasein fristet, das von der Gnade der Maschinenbesitzer abhängt. Der Trend weise allerdings eher in letztere Richtung, mit Technologie als treibender Kraft sozialer Ungleichheit. (LINK zur Diskussion ) Im Gegensatz zu den anderen Gefahren von AIs, die den meisten Nicht-Geeks eher exotisch anmuten dürften, zog diese Antwort Hawkings weite Kreise, bis in den Wirtschaftsteil der FAZ.

Die Zukunft des Zusammenspiels von Technologie und Gesellschaft ist also ein heißes Eisen. Der Guardian weist zwar in seiner Auseinandersetzung zum Thema darauf hin, dass bisher auch trotz oder gerade wegen neuer Technologien immer neue Bedürfnisse und damit in der Regel auch Jobs entstanden sind, klingt aber selbst nicht überzeugt, dass dies auf die gegenwärtige Entwicklung zutrifft. Ein Ökonomieprofessor entblödete sich damit, Hawking als Laien zu bezeichnen und damit abzutun, dass ja auch die Arbeitszeiten gesunken seien, so dass die Zahl an Arbeitsplätzen eventuell gleich bleibt, weil jeder weniger arbeitet (siehe Link zur Reddit-Disskussion oben). Sein empirischer Beweis für die USA brach allerdings mit der Einführung der 40h Woche ca. 1940 ab. Es wäre ihm wohl auch schwergefallen, einen signifikanten Rückgang der Wochenarbeitszeit in den letzten Jahrzehnten nachzuweisen. Längere Arbeitszeiten, Überstunden, ausbezahlte „Urlaube“, spätere Renteneintrittsalter und ähnliche Erscheinungen trotz oder gerade bei atemraubenden Technologiefortschritt sprechen eine deutliche Sprache. Auch die Kaufkraft der Massen stagniert gerade im technologisch entwickeltsten Teil der Welt seit Jahrzehnten. Tatsächlich kann man beliebige Statistiken zur Vermögensentwicklung betrachten und wird die Zunahme sozialer Ungleichheit überall bestätigt finden. Die vom Kapital getriebene technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte macht also nicht mehr die ganze Gesellschaft reicher an Konsumgütern und verfügbarer Zeit, sondern eben nur einen winzig kleinen Teil. Die Ursachen hierfür liegen auch ziemlich offensichtlich nicht in neoliberaler Politik, sondern in der Natur des Kapitals, das eben nie mehr als unbedingt nötig zahlen will. Nicht böser Wille oder schlechte Absichten einzelner Kapitalisten oder Politiker, sondern das objektive Gesetz der Profitmaximierung, welches in unserer Gesellschaft herrscht, zwingt zu niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten. So kann auch erklärt werden, warum jüngst im Zusammenhang mit Apple, welches nach Marktwert immerhin als das größte Unternehmen der Welt gehandelt wird, von obdachlosen Mitarbeitern die Rede war (FAZ).

Auch der mahnende Zeigefinger Richtung USA lohnt hier nicht – die Arbeits- und Lohnbedingungen bei autorisierten Apple-Händlern in Deutschland zeigen in eine sehr ähnliche Richtung!

Das Problem ist also nicht böser Wille, schlechte Absicht oder (us-amerikanischer) Neoliberalismus, sondern die Natur unserer Gesellschaftsordnung. Diese Natur wird aber in der Diskussion sehr schnell und oft zur Natur des Menschen erklärt, so auch nicht ganz zufällig in der Reddit-Diskussion. Der Mensch sei eben gierig, egoistisch und wolle immer mehr; darum sei unsere Gesellschaft, wie sie ist, darum seien alle Alternativen zum Scheitern verurteilt und darum sei der Kapitalismus die quasinatürliche Existenzform des Menschen. Ist also nicht die AI, sondern die NI das Problem?

Statt vorschnell eine vermeintliche Natur des Menschen ins Feld zu führen, sollte man lieber einmal einen unbedarften Blick in die Geschichte werfen. Tatsächlich machte es vor der Existenz von Geld in seinen vielfältigen Formen überhaupt keinen Sinn, unbegrenzten Reichtum von irgendetwas anhäufen zu wollen. Dies wäre so unmöglich, wie unsinnig gewesen! Die Annahme etwa, der steinzeitliche, nomadische Jäger hätte vom Besitz unbegrenzter Reichtümer geträumt, ist geradezu idiotisch. Wenn wir das Problem Gier aber mit der Entstehung des Geldes verknüpfen, liegt die Lösung auf der Hand - in der Abschaffung der Ursachen des Geldes nämlich. Allerdings kommuniziert der Markt nur durch das Medium Geld, das heißt, mit dem Geld muss zugleich der Markt aufgehoben werden. Waren und Geld bedingen sich notwendig. Der Markt ist aber der Ort der Vermittlung von Produkten bei Privatproduktion (Produktionsmittel sind in Privatbesitz), die würde also mit dem Geld historisch werden müssen. Was bliebe, wäre eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel allen gehören und die nach einem Plan produziert, um zu konsumieren. Wäre die Konsumtion und nicht der Verkauf Dreh- und Angelpunkt der Produktion, könnte tatsächlich der technische Fortschritt dazu dienen, den Menschen reicher an Zeit und Gütern zu machen. Es wäre eine Gesellschaft wie in Hawkings Utopie. Insofern hat er auch vollkommen recht; nicht die Technik an sich, sondern die Gesellschaft, die sie anwendet, entscheidet darüber, ob sie ein Segen oder eine Qual für die Menschheit ist. Nur wer es wirklich ernst mit dieser Erkenntnis meint, darf um die Eigentumsfrage keinen Bogen machen, sondern muss sie ins Zentrum aller gesellschaftlich relevanten Diskussionen rücken.

assoziation.info, 11.15